Alte weiße Männer

Alte weiße Männer machen sich schnell unbeliebt. Gerhard Schröder und Hans Modrow geschieht das ganz zu Recht.

Viel Spott ergießt sich über alte weiße Männer. Auch ich bin nicht immer ganz frei von deren Spleens. So esse ich immer noch Fleisch und Käse, gieße Kuhmilch in meinen Kaffee. Auch die Diskussion um Dreadlocks bei jungen, weißen Frauen, die jetzt von Fridays for Future in Hannover und Stuttgart losgetreten wurde, verfolge ich eher überrascht bis kopfschüttelnd.

Da ist es fast erfrischend, dass es immer noch alte, weiße Männer gibt, von denen ich mich zu einhundert Prozent distanzieren kann. Nein, ich meine nicht den Mann in Moskau. Den sowieso. Ich meine aber seine Apologeten in Deutschland.

Die AfD als Gesamtkonstrukt kann man ohenehin dazu rechnen. Auch bedeutende Teile der Partei Die Linke. Schwerer wiegen für mich jedoch Männer wie Gerhard Schröder (Jahrgang 1944, SPD) und Hans Modrow (Jahrgang 1928, Die Linke).

Warum bekommt Schröder noch immer Ruhegehalt vom Bund?

Gerhard Schröder ist ein besonders exemplarischer, ein frappierender Fall. Als ehemaliger Bundeskanzler (1998-2005) bekommt er ein Ruhegehalt von derzeit 8700 Euro im Monat. Das Berliner Büro, das Ex-Regierungschefs zusteht, ist nach dem Abgang aller seiner Mitarbeiter offensichtlich inzwischen verwaist. Noch 2021 kostete dies die Steuerzahler:innen 407.000 Euro. Angesichts seiner Posten bei den sanktionierten russischen  Energieunternehmen Rosneft und Gazprom sowie insbesondere seiner Weigerung auf diese zu verzichten, stellt sich mir die Frage, warum er noch immer Bezüge vom Bund bekommt.

Der Krieg in der Ukraine sei „eine Konsequenz politischen Versagens“ in Ost und West, sagte der Bundeskanzler a. D. diese Woche im türkischen Kocaeli. Eine Distanzierung vom russischen Vernichtungskrieg sieht anders aus, auch wenn Schröder sich einlässt, dass russische Sicherheitsinteressen „nicht den Gebrauch militärischer Mittel“ rechtfertigten.

Die SPD muss sich fragen lassen, warum der Parteiausschluss dieses hochrangigen Russland-Lobbyisten so langsam läuft. Zehn Jahre dauerte das Parteiausschlussverfahren gegen den immer weiter nach ganz rechts abgedrifteten ehemaligen Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin. Das ist nicht akzeptabel. So lange Schröder russische Interessen vertritt, darf es keine Kompromisse und kein Zögern geben. SPD-Chef Lars Klingbeil hat Gerhard Schröder die Freundschaft gekündigt. Alles andere wäre aber auch ein Skandal.

Der alte „DDR-Gorbi“

Die Causa Hans Modrow hat dagegen fast etwas Humoristisches. In einer Partei, die viel stärker noch als die SPD ihre Beziehungen zu Russland, fast möchte ich sagen zum Kreml, pflegt, fällt eine ausgeprägte Russophilie meist nicht weiter auf. Nun ist es aber so, dass der 94jährige Modrow, letzter SED-Regierungschef der DDR 1989/90 und Mitte der achtziger Jahre von Westmedien als Hoffungsträger und „DDR-Gorbi“ gefeiert, dem Ältestenrat der Partei Die Linke vorsitzt.

Dieser Ältestenrat hatte nun ein Papier zum Ukraine-Krieg vorgelegt, dessen einleitender Satz lautete: „Die Frage, wie weit der Krieg in der Ukraine ein Einmarsch russischer Truppen ist oder sich als ein innerer Bürgerkrieg der Kräfte in den neuen Ost-Staaten und faschistischen Elementen im Raum der Westukraine darstellt, steht im Raum.“ Stärker können Realitäten nicht ignoriert werden. Deutlicher kann man sich kaum zum Propagandisten eines Kriegsverbrechers machen.

Hans Modrow 2018 in Leipzig. Foto: Sandro Halank
Hans Modrow 2018 in Leipzig. Foto: Sandro Halank Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Nach einer Überarbeitung lautet der Satz laut Spiegel.de nun: „Mit dem völkerrechtswidrigen Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine sind größte Gefahren für die Erweiterung des Krieges verbunden. Mehr denn je ist die Politik herausgefordert.“ Auch dieser windelweichen Formulierung lässt sich nur entschieden widersprechen. Es mag trösten, dass der „DDR-Gorbi“ ein sehr alter weißer Mann ist und fast schnurstracks auf die Hundert zugeht. Und man ihn links beziehungsweise angesichts seiner Beschwichtigung eines imperialistischen Regimes auch rechts liegen lassen kann.

Ganz liberal

Ich erlaube mir da gerne meine kleinen Spleens alter weißer Männer wie Fleisch und Käse. Auch gelegentliches Aneignen fremder Kulturen wie Spaghetti all’amatriciana oder Chicken Gong Bao erlaube ich mir; heute soll es übrigens Calamari fritti geben. Ich muss die Tuben noch auftauen, in Ringe schneiden und durch Teig ziehen. Wenn Aneignung, dann richtig und nicht convenient. Von mir aus dürfen auch junge weiße Frauen mit verfilzten Locken herumlaufen, ich bin da ganz liberal. So richtig ästhetisch fand ich diese Dreadlocks allerdings schon vor 30 Jahren nicht.

Frank Behrens

 

Seitenbild: Gerhard Schröder mit seiner Ehefrau Soyeon Kim 2018 im Haus der Kunst in München.
Foto: Henning Schlottmann (User:H-stt) Creative Commons Attribution 3.0 Unported

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